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Wissenschaft > Sozialer Prozess

Sozialer Prozess

Wissenschaft ist ein sozialer Prozess.

Wissenschaftliche Ergebnisse können subjektive und spekulative Inhalte haben.

Moderne Forschung ist aufgrund extrem hoher Kosten nicht frei und unabhängig. Geld, Markt, Gesellschaft und Politik bestimmen, was erforscht wird, wie Forschungsergebnisse interpretiert werden und welche Fachgebiete unerforscht bleiben.
 

Ludwig Fleck

Der Arzt, Immunologe und Erkenntnistheoretiker Ludwig Fleck hat in seinem anerkanntem Werk „Die Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache“ am Beispiel der Syphilisforschung erklärt, warum man Wissen immer im Zusammenhang mit den jeweiligen Menschen betrachten muss:1

Wissenschaft ist nichts Fixes, sondern eine Tätigkeit, die von einer sozialen Gemeinschaft – der scientific community – über Generationen erbracht wird. „Erkennen“ ist das Ergebnis von drei sozialen Faktoren: Erziehung, weil Kenntnis vorwiegend aus Erlerntem und nicht aus neu Erkanntem stammt. Tradition, weil neu Erkanntes durch das bisherige Wissen vorgeprägt ist, sowie Beschränkungen des Denkens, welche durch die vorhandenen Denkkonzepte bewirkt werden.

Erkennen betrifft nicht nur Subjekt und Objekt. Jedes Erkennen ist ein dreigliedriger Prozess zwischen einem Menschen, dem Wissensstand seiner sozialen Gruppe und der zu erkennenden Sache.

Daher ist es ein großer Irrtum zu glauben, „der Mensch denke“. Was im Menschen denkt, ist nicht er selbst, sondern immer auch ein Ergebnis seiner Gemeinschaft. Menschliches Denken ist nicht das Produkt eines Einzelnen, sondern seiner sozialen Umwelt. Als soziale Wesen können die meisten Menschen nicht anderes denken, als sie es in sozialen Gruppen erlernt und geübt haben und wie es in ihrer Gruppe erwartet wird.
 

Denkkollektiv

Erkennen ist kein individueller, sondern ein sozialer Prozess. Der Satz „jemand erkennt etwas“ ist nicht vollständig und wenig sinnvoll. Alle Menschen und auch Wissenschaftler erkennen auf Grundlage bereits vorhandenen Wissens innerhalb ihrer Kultursphäre in einem vorgegebenen „Denkstil“. Damit ist die Art zu Denken gemeint, die in einem gesellschaftlichen oder wissenschaftlichen „Denkkollektiv“ üblich ist.

Fleck hat das „Denkkollektiv“ als „Gemeinschaft der Menschen, die im Gedankenaustausch oder in gedanklicher Wechselwirkung stehen“ definiert.1 Diese „Wissensgemeinschaft“ ist der Träger der geschichtlichen Entwicklung ihres Denkgebietes, ihres Wissensbestandes, ihrer Kultur sowie des spezifischen „Denkstils“ der Gruppe.

Alle diese Faktoren beeinflussen, was Einzelne zu erkennen glauben.
 

Wirklichkeiten

Soziale und kulturelle Einflüsse sind der Grund, warum es so viele Wirklichkeiten gibt. Denn jede soziale Gruppe lebt in ihrer eigenen gesellschaftlichen Wirklichkeit. Das gilt auch für die Wissenschaft. Jede Wissenschaft wird „von Menschen kooperativ veranstaltet“. Dabei fließen nicht nur wissenschaftliches Wissen, das auf überprüfbaren Daten und Erfahrung beruht, sondern auch spekulative Überzeugungen in das Wissen der sozialen Gruppe ein.

Die gegenseitige Bestätigung bewirkt eine „soziale Verdichtung“ des Wissens. Das kollektiv bestätigte Wissen wird als allgemein gültig angesehen, obwohl es auch ungeprüfte Elemente enthält. Aufgrund dieser sozialen Prozesse kam Fleck zu einem ernüchternden Ergebnis:1

„Wenigstens drei Viertel und vielleicht die Gesamtheit alles Wissenschaftsinhaltes sind denkhistorisch, psychologisch und denksoziologisch bedingt und erklärbar.“

Damit ist nicht gemeint, dass der Großteil unseres Wissens falsch wäre. Sondern der Umstand, dass Wissenschaft kein eindeutiger Weg zur sicheren Erkenntnis ist. Stets gibt es auch andere Möglichkeiten, Daten zu interpretieren und andere wissenschaftliche Sichtweisen zu vertreten, die ebenfalls begründbar und logisch sind.
 

Moderne Wissenschaft

Ludwig Flecks 1935 veröffentlichte Studie war die erste soziologische Untersuchung der Produktion wissenschaftlichen Wissens. Der Begriff „Produktion“ erinnert daran, dass Wissen nicht einfach gegeben und vorhanden ist, sondern als Produkt des menschlichen Geistes von einzelnen oder mehreren Menschen im Denkstil eines bestimmten Denkkollektivs konstruiert wird. Das erklärt, warum die objektive Wirklichkeit nicht zu erkennen ist und auch die Wissenschaften viele Sichtweisen erlauben, die immer wieder geändert werden.
 

Medizin

Das gilt auch für die moderne Medizin. Der Berliner Chirurg, Privatdozent an der Medizinischen Fakultät der Humboldt Universität zu Berlin und Philosoph Bartholomäus Böhm schrieb 1998 über die sozialen Prozesse der Wissenschaft:2 Die Wissenschaft ist eine soziale Institution, die durch Belohnungssysteme und Wettbewerb beeinflusst wird. Kleine Gruppen entscheiden über die Auswahl von Publikationen, Vergabe von Stellen und die Inhalte der Lehre. Gutachter können neue Richtungen blockieren oder fördern. Diese Autorität ist weder nur durch Kompetenz noch durch Urteile ausschließlich auf Grund wissenschaftlicher Kriterien legitimiert. Bei den Bewertungen spielen auch soziale und persönliche Faktoren eine Rolle. Die Freiheit der Forschung gilt nur für eine kleine Elite, die alleine beansprucht, kompetente Urteile über die weitere Entwicklung der Wissenschaft fällen zu können.

Die Wiener Ärztin Melanie Wölk hat diese soziologischen Einflüsse 2016 mit ihrer Masterarbeit an der Donau-Universität Krems am Beispiel von Homöopathiestudien bestätigt. Die Forscherin hat Hinweise gefunden, dass Studienergebnisse von verschiedenen Autoritäten offenbar nach Belieben interpretiert werden:3

„Jeder sieht, was er sehen will. Die persönliche Weltanschauung scheint gegenüber evidenzbasierten Argumenten immun zu sein. Zweifelhaft ist, ob es wirklich nur um die Wissenschaft geht. Worum es tatsächlich geht, sind politisch-wirtschaftliche Interessen.“
 

Naturwissenschaft

Der Wiener Physiker, Emeritus der Universität Wien und Philosoph Herbert Pietschmann hat diese grundsätzlichen sozialen Einflüsse sogar für die Naturwissenschaft bestätigt:4

„Naturwissenschaft beruht auf Konsens, nicht auf Fakten. Das Kriterium für Verständnis ist nicht die Erklärbarkeit, sondern der Konsens, dass eine bestimmte Erklärung die ‚richtige’ ist“.
 

fazit

Die soziologischen Aspekte der Wissenschaft sind ernüchternd.

Wissenschaft ist kein verlässlicher Weg zur „Wahrheit“, sondern ein sozialer Prozess, der von vielen Interessen sowie unterschiedlichen „Denkstilen“ und „Denkkollektiven“ sozialer Gruppen bestimmt wird.

Wissenschaft garantiert keinen stetigen Erkenntnisfortschritt, sondern ist an bestimmte Interessen sowie Geld- und Machtverhältnisse der Gesellschaft gebunden.

Diese Erkenntnis ist ethisch relevant. Man kann Wissenschaftlern und wissenschaftlichen Studien nicht bedingungslos vertrauen. Man muss die angewandten Methoden kontrollieren, um die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Aussagen zu prüfen.
 

Literatur

  1. Fleck 1935/2015
  2. Böhm 1998
  3. Wölk 2016
  4. Pietschmann 2009
     

PDF

PDF mit Literaturangaben

 

Startversion: 25.7.2017
Autor: Friedrich Dellmour