Header
Blumen Augentrost - Euphrasia officinalis Küchenschelle - Pulsatilla vulgaris Zaunrebe - Bryonia cretica Eisenhut - Aconitum napellus Ringelblume - Calendula officinalis
Sie sind hier:
Naturwisssenschaft > Denkrahmen

Denkrahmen

Die Naturwissenschaft zerlegt den Untersuchungsgegenstand in Einzelteile und analysiert die einzelnen Bestandteile mit messtechnischen und bildgebenden Methoden.
 

Analyse

Das grundlegende Verfahren der Naturwissenschaft ist die Analyse.

Das griechische Wort análysis bedeutet „Auflösung“. Damit ist eine systematische Untersuchung gemeint, bei der das untersuchte Objekt oder Subjekt in seine Bestandteile zerlegt wird und die Eigenschaften der Einzelteile nach qualitativen und vor allem quantitativen Kriterien erfasst werden. Die erhaltenen Daten werden gesammelt, geordnet und ausgewertet.1

Dieses Verfahren ermöglicht eine exakte und reproduzierbare Beweisführung. Naturwissenschaftliche „Beweise“ erfordern Analyse, Quantifizierung, Reproduzierbarkeit, Eindeutigkeit, Widerspruchsfreiheit und kausale Begründung.2

Damit vermittelt uns die Naturwissenschaft den Eindruck, die meisten Bereiche der Natur und des Menschen zu verstehen. Bei genauer Betrachtung erkennt man aber, dass dies nur teilweise der Fall ist. Denn die Naturwissenschaft ist seit Galileo Galileis Forderung „alles was messbar ist, messen, und was nicht messbar ist, messbar machen“3 auf messbare und berechenbare Bereiche beschränkt.
 

Galileo Galilei

Die Naturwissenschaft geht auf Galileo Galilei (1564-1642) zurück, der mit seiner berühmten Forderung nach „Messbarkeit“ zum Begründer der „nuova scienza“, der Neuen Wissenschaft wurde, die wir heute Naturwissenschaft nennen.

Galileis entscheidender Schritt zur Naturwissenschaft war der „Verzicht auf die Erfahrung“:3

„Den befreienden Schritt weg von der unmittelbaren Erfahrung (und damit den endgültigen Verzicht auf das Individuum) verdanken wir Galileo Galilei.“ 
 

Aristoteles und Galilei

Der bewusste Verzicht auf die menschliche Erfahrung und Beschränkung auf den messbaren Bereich bewirkt, dass die Naturwissenschaft theoretische Modellwelten konstruiert, die im Widerspruch zur erfahrbaren Wirklichkeit stehen.

Das beste Beispiel dafür ist der Fallversuch Galileis. Während der ganzheitliche Beobachter Aristoteles (384-322 v. Chr.) wirklichkeitsgetreu feststellte, „alle Körper fallen verschieden schnell“, kam Galilei aufgrund wissenschaftlicher Messung zur gegenteiligen Sichtweise: „Alle Körper fallen gleich schnell“. Interessanterweise haben beide Forscher Recht. Aufgrund des Luftwiderstandes fallen alle Körper verschieden schnell. Aristoteles hatte Recht, weil er sich auf die erfahrbare Wirklichkeit bezog. Galilei hatte auch Recht, weil er seine Messung im Vakuum durchführte, wo es keinen Luftwiderstand gibt.

Beide Gelehrte untersuchten verschiedene Wirklichkeiten.

Die Wirklichkeit des Aristoteles ist die Welt des täglichen Lebens. Die Wirklichkeit Galileis existiert nur unter experimentellen Bedingungen. Die Ergebnisse des Aristoteles sind nicht genau reproduzierbar, weil sie von den aktuellen Umständen abhängen. Die Ergebnisse Galileis hingegen sind exakt, reproduzierbar und mathematisch berechenbar. Die Aussagen Galileis gelten daher als „wissenschaftlich“.

Der Theoretische Physiker, Philosoph, Emeritus der Universität Wien Herbert Pietschmann, Autor des wissenschaftsgeschichtlichen Fachbuches „Das Ende des naturwissenschaftlichen Zeitalters“2, sagte dazu 2009:3

     „Die Nuova scienza gilt nicht für die Welt, in der wir leben!
 

Carl Friedrich von Weizsäcker

Der deutsche Physiker, Naturphilosoph und Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker erklärte, warum wissenschaftliche Experimente die erfahrbare Wirklichkeit der Natur in eine manipulierbare Realität „verwandeln“:4

„Galilei tat seinen großen Schritt, indem er wagte, die Welt so zu beschreiben, wie wir sie nicht erfahren. Er stellte Gesetze auf, die in der Form, in der er sie aussprach, niemals in der wirklichen Erfahrung gelten und die darum niemals durch irgendeine einzelne Beobachtung bestätigt werden können, die aber dafür mathematisch einfach sind. So öffnete er den Weg für eine mathematische Analyse, die die Komplexität der wirklichen Erscheinungen in einzelne Elemente zerlegt. Das wissenschaftliche Experiment unterscheidet sich von der Alltagserfahrung dadurch, dass es von einer mathematischen Theorie geleitet ist, die eine Frage stellt und fähig ist, die Antwort zu deuten. So verwandelt es die gegebene ‚Natur’ in eine manipulierbare ‚Realität’. Aristoteles wollte die Natur bewahren, die Erscheinungen retten, sein Fehler ist, dass er dem gesunden Menschenverstand zu oft recht gibt. Galilei zerlegt die Natur, lehrt uns, neue Erscheinungen willentlich hervorzubringen, und den gesunden Menschenverstand durch Mathematik zu widerlegen.“
 

Aldous Huxley

Der englische Schriftsteller Aldous Huxley, bekannt geworden durch seinen Roman „Schöne neue Welt“, wies darauf hin, dass das naturwissenschaftliche Weltbild nicht der Wirklichkeit entspricht. Allerdings glauben viele Wissenschaftler, Techniker und Konsumenten, die Wirklichkeit werde durch die Wissenschaft vollständig dargestellt. Als Folge werden individuelle Erfahrungen, welche die Naturwissenschaft aus Kompetenzmangel nicht berücksichtigen kann, für „weniger real“ gehalten als die von der Wissenschaft willkürlich bevorzugten Bereiche:5

„Als Darstellung der Wirklichkeit ist die naturwissenschaftliche Abbildung der Welt nicht ausreichend, einfach aus dem Grund, weil die Naturwissenschaft nicht einmal den Anspruch erhebt, sich mit Erfahrung schlechthin zu befassen, sondern nur mit bestimmten Ausschnitten und nur in bestimmten Zusammenhängen. Die eher philosophisch orientierten Naturwissenschaftler sind sich dessen wohl bewusst. Aber unglücklicherweise hatten einige Naturwissenschaftler, viele Techniker und vor allem die Konsumenten der vielen kleinen technischen Errungenschaften weder Zeit noch Interesse, den philosophischen Ursprüngen und Hintergründen der Naturwissenschaften nachzugehen. Infolgedessen akzeptieren sie in der Regel das in den naturwissenschaftlichen Theorien implizierte Bild der Welt als vollständige und erschöpfende Darstellung der Wirklichkeit; sie tendieren dazu, diejenigen Aspekte der Erfahrung, die die Naturwissenschaftler wegen mangelnder Kompetenz nicht berücksichtigen, so anzusehen, als seien diese irgendwie weniger real als jene Aspekte, die die Naturwissenschaft willkürlich durch Abstraktion aus der unendlich reichen Gesamtheit bestehender Tatsachen ausgesondert hat.“

Die Worte Aldous Huxleys relativieren die herausfordernde Aussage Pietschmanns, „die Naturwissenschaft gilt nicht für die Welt, in der wir leben“. Das Leben als Ganzes und viele Lebensphänomene, die wir täglich erfahren und die für unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit wichtig sind, werden von der Naturwissenschaft nicht erfasst:3

„Die Naturwissenschaft befasst sich nur mit intersubjektiven Phänomenen und sieht von menschlichen Individuen bewusst ab.“

Das bedeutet: Die Naturwissenschaft beschäftigt sich nur mit anerkanntem und nachprüfbarem Wissen, das „zwischen den Wissenschaftlern“ („intersubjektiv“) kommuniziert werden kann. Das, was die Wissenschaftsgemeinde als Konsens hat. Das Individuum bleibt dabei auf der Strecke.
 

denkrahmen

Der einzelne Mensch ist für die Naturwissenschaften kein Thema.

Naturwissenschaft beschränkt sich auf messbare und nachprüfbare Dinge. Alle nicht messbaren Bereiche, wie die menschliche Erfahrung, subjektive Gefühle und Empfindungen, individuelle Krankheitsbeschwerden und der weite Bereich der seelischen, psychischen und geistigen Phänomene bleiben in der naturwissenschaftlichen Forschung und Lehre unberücksichtigt.
 

Wirkung des Denkrahmens

Aristoteles und Galilei haben verschiedene „Denkrahmen“ verwendet. Die erfahrbare Wirklichkeit und die künstlichen Bedingungen des wissenschaftlichen Experiments. Die Fallversuche kamen deshalb zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Erkennen ist von unserem Denkrahmen abhängig:6

„Wir alle sind durch  unseren Denkrahmen geprägt. Der Denkahmen des Abendlandes ist heute der Denkrahmen der aristotelischen Logik inklusive des Denkrahmens der Naturwissenschaft, also der Axiome von Logik und Experiment, würde ich sagen. Dieser Begriff des Rahmens ist ja mehrdeutig und alle Bedeutungen sind dabei gemeint: Ein  Rahmen schließt erstens das aus, was außerhalb ist, das heißt,  er verzichtet auf etwas. Zweitens lenkt er den Blick automatisch auf das, was innerhalb ist, das heißt, mehr oder weniger automatisch wird man gefangen durch das, was innerhalb des Rahmens ist und  vergisst auf das, was draußen ist. Drittens definiert er aber auch genau die Grenze zwischen innen und außen. Alles das wird durch unseren Denkrahmen geleistet, und eine Erweiterung dieses Denkrahmens im Hinblick auf Aspekte des seelisch-geistigen Bereiches, die nicht innerhalb des Denkrahmens der Naturwissenschaft zu erfassen sind, das halte ich tatsächlich für notwendig.“

Pietschmann weist damit auf folgende Sachverhalte hin:

  1. Jede wissenschaftliche Erkenntnis, aber auch alltägliches Denken ist an Denkrahmen gebunden.
  2. Denkrahmen schließen ein, was zu „erkennen“ ist und in Forschung und Lehre berücksichtigt wird.
  3. Denkrahmen schließen aus, was nicht erkannt wird und in Forschung und Lehre unberücksichtigt bleibt.
  4. Die Naturwissenschaft verwendet den abendländischen Denkrahmen der Axiome von Logik und Experiment.
  5. Die Naturwissenschaft kann nur jene Bereiche erkennen, die innerhalb dieses Denkrahmens liegen.
  6. Die Naturwissenschaft kann alle jene Bereiche, die außerhalb dieses Denkrahmens liegen, nicht erkennen.

Das bedeutet: Die erfahrbare Wirklichkeit des einzelnen Menschen, andere Logiken, die vernünftige Schlussfolgerungen ermöglichen, sowie alle Ereignisse, die nicht durch theoriegeleitete Experimente reproduzierbar sind, weil es dafür keine Theorie gibt oder die Ereignisse spontan oder individuell auftreten, bleiben in der Naturwissenschaft unberücksichtigt. Die Naturwissenschaft tut so, als wären diese Bereiche „nicht vorhanden“.
 

Albert Einstein

Die Wirkung des naturwissenschaftlichen Denkrahmens hat Albert Einstein beschrieben:8

     „Die Theorie bestimmt, was wir beobachten können.“

Die Naturwissenschaften sind theoretische Wissenschaften, deren wissenschaftliche Methoden, Theorien und Modelle vorgeben, was beobachtet werden kann.
 

Abendländischer Denkrahmen

Unser Denken ist durch Denkrahmen bestimmt. Der abendländische Denkrahmen ist ein Denkrahmen der aristotelischen Logik und Naturwissenschaft. Die wissenschaftliche Tradition des Abendlandes stützt sich auf die Axiome von Logik und Experiment.
 

Axiom

Ein Axiom ist ein Grundsatz einer Theorie, der von den Vertretern der Wissenschaft als absolut wahr und richtig vorausgesetzt wird und deshalb keines Beweises bedarf. Jede Wissenschaft verwendet solche Normen, auf die sich die Wissenschaftsgemeinde verständigt hat. Das ist der akzeptierte Rahmen des wissenschaftlichen Denkens und Handelns.

Die westliche Welt benutzt Logik und Experiment als Denkprinzipien. Dabei gibt es keine Begründung und keinen Beweis, dass diese Denkweise für alle Bereiche von Natur, Mensch und Geist geeignet ist. Dennoch ist dieses Denken in Wissenschaft, Medizin und Alltag vorherrschend.
 

Grenzen des Denkrahmens

Herbert Pietschmann hat in seinem Vortrag „Denkrahmen der Naturwissenschaft und seine Grenzen im Hinblick auf die Homöopathie“ die Begrenztheit des naturwissenschaftlichen Denkens deutlich gemacht:2
 

Denkrahmen des Abendlandes
(Westliche Welt)
 

Bereiche, die der Denkrahmen
des Abendlandes nicht erfasst
 

Reproduzierbares

Quantifizierung

Analyse

Eindeutigkeit

Widerspruchsfreiheit

Kausale Begründung
 

Einmaliges

Qualitäten

Synthese, Vernetzung

Offenes, Buntes

Lebendiges, Konflikte

Wollen, Kreativität
 

 

Die Beschränkung der Naturwissenschaft auf reproduzierbare und quantitative Kriterien ist Stärke und Schwäche zugleich:

  • Stärke, weil die Beschränkung auf messbare und berechenbare Bereiche zu einem Aufschwung der Forschung, Entwicklung und Produktion in Wissenschaft und Technik geführt hat.
  • Schwäche, weil jene Bereiche in Natur und Mensch unberücksichtigt bleiben, die nur durch Erfahrung zugänglich sind, obwohl sie für Gesundheit, Krankheit, Lebensqualität und geistige Entwicklung wichtig sind.
     

vergleich

Ein Vergleich der Naturwissenschaft mit der Homöopathie zeigt, dass sowohl die naturwissenschaftliche „Analyse“, als auch die homöopathische „Synthese“ erfolgreiche medizinische Behandlungen ermöglichen:
 

Analyse

Die Naturwissenschaft zerlegt in einzelne Teile und bestimmt die quantitativen Eigenschaften der Bestandteile (Analyse). Medizinische Befunde streben Reproduzierbarkeit, Quantifizierung, Analyse, Eindeutigkeit, Widerspruchsfreiheit und kausale Begründung an, um „Diagnosen“ zu stellen.

  • Damit können Arzneimittel und andere Behandlungen gewählt werden, die zur Diagnose passen.
     

Synthese

Die Homöopathie nimmt alle körperlichen und psychischen Symptome im ganzheitlichen Rahmen der Einheit des Patienten wahr (Synthese) und dokumentiert die qualitativen Eigenschaften der Beobachtungen. Einmaliges, Individuelles, Subjektives, Mehrdeutiges und Widersprüchliches ist für jeden Kranken charakteristisch und ermöglicht ein „Mustererkennen“ des individuellen Gesundheitszustandes.

  • Damit können homöopathische Arzneimittel gewählt werden, die zum individuellen Beschwerdemuster des Patienten passen.
     

fazit

Der Vergleich zeigt:

  1. Naturwissenschaft und Homöopathie benutzen unterschiedliche Denkrahmen.
  2. Die Denkrahmen der Naturwissenschaft und Homöopathie sind gegensätzlich und nicht kompatibel.
  3. Die Denkrahmen der Naturwissenschaft und Homöopathie ergänzen sich: Naturwissenschaft und Homöopathie beobachten zwei Teilbereiche der Wirklichkeit.

 

Literatur

  1. Wikipedia 2017
  2. Pietschmann 2009
  3. Pietschmann 1980
  4. Weizsäcker 1976
  5. Huxley 1946
  6. Zimmermann 1993
  7. Einstein (undatiert)
     

PDF

PDF mit Literaturangaben

 

Startversion: 31.7.2017   
Autor: Friedrich Dellmour